PostHeaderIconJagdmethode oder wie ist der Silexsplitter in den Wirbel des Bären gelangt?

Schwierigkeiten bereitet die Frage, wie und wodurch der Silexsplitter in den Körper des Bären gelangt ist. Ausgeschlossen werden kann derzeit, daß es sich um das Bruchstück eines messerartigen Gerätes handelt, das beim Zerlegen des toten Bären ausgesplittert ist. Für diese Variante müßte eine Schnittspur erkennbar sein, die sich zum Loch zöge. Auszuschließen ist dies auch dadurch, dass der Winkel, in dem das Silexbruchstück unter der Kompakta des Knochens liegt, eine Zerlegung mittels einer Silexklinge nicht zuläßt. Tatsächlich gibt es Schnittspuren auf dem Wirbel, und zwar auf der lateralen Seite des Dornfortsatzes (Processus spinosus), die auf ein späteres Entfleischen der Wirbelsäule schließen lassen.

Der Silexsplitter ist durch eine Waffe in den Wirbel gelangt, der Eintrittswinkel spricht auf jeden Fall dafür. Das Eindringen eines Geschosses an dieser Stelle deutet auf einen versuchten „Blattschuß" hin, um die Lunge und andere innere Organe zu verletzen.

Fraglich bleibt aber, wie die Geschoßspitze genau ausgesehen hat. Grundsätzlich kommen hierfür

  • ein Pfeil,
  • eine Knochen-, oder Geweihgeschoßspitze mit Silexeinsätzen,
  • eine Holzlanze (oder -speer) mit Silexeinsätzen oder
  • eine leichte Lanze mit Silexspitze als Geschoßkopf

in Frage.

Nach dem derzeitigen Forschungsstand ist eine Pfeilspitze auszuschließen, da ein Vorhandensein von Pfeil und Bogen im Gravettien nicht belegt ist, von verschiedenen Autoren jedoch nicht ausgeschlossen wird (Cattelain 1994, Stodiek & Paulsen, 1996). Außerdem fehlen im Hohle Fels bisher typische Pfeilspitzen im Inventar.

Zwar gibt es viele Rückenmesser und -spitzen, die als Einsätze in Knochen- oder Geweihgeschoßspitzen in Frage kämen. Aber trotz zahlreicher Funde von Geschoßspitzen aus organischen Materialien (Knochen und Geweih) aus dem Hohle Fels, befindet sich bisher keine darunter, die eine Rille oder eine Kerbe hätte, um einen Silexeinsatz aufzunehmen. Solche Geschoßspitzen sind für das Magdalénien und nicht für das Gravettien belegt (Albrecht et al. 1972). In Holzspeere oder Holzlanzen, die sich in dem Sediment des Hohle Fels nicht erhalten können, wären allerdings solche Einsätze denkbar.

Größere Silexartefakte als Geschoßspitzen sind bislang aus dem Hohle Fels nicht bekannt. Es gibt Gravettespitzen, ein basales Fragment einer Font-Robert-Spitze und einige sonstige Spitzen, die grundsätzlich als Bewehrung einer leichten Stoßlanze oder eines Speeres in Frage kommen. Die Größe dieser Artefakte ist jedoch für die Jagd auf Großtiere wie Mammut, Nashorn, Pferd, Ren oder gar Bär, recht bescheiden.

Somit muß möglichen weiteren Funden künftiger Grabungen im Hohle Fels vorbehalten bleiben, diese Frage zu klären. Zum jetzigen Zeitpunkt kann lediglich festgehalten werden, daß der Silexsplitter in dem Bärenwirbel durch ein Projektil unbekannter Art in den Körper des Bären gelangt ist und die Verletzung für das Tier nicht tödlich, die Jagd aber letztendlich erfolgreich war, denn auf dem Dornfortsatz des Wirbels befinden sich Schnittspuren, die eine anschließende Zerlegung der Jagdbeute beweisen.

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